Die traditionelle Landwirtschaft ist gescheitert, aber es gibt Alternativen

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Ich erinnere mich noch, wie ich auf dem Schulweg an Getreidefeldern entlanggeradelt bin. Natürlich war mir im Alter von zehn Jahren nicht bewusst, dass die riesigen Maschinen und die gepflegte Monotonie der bewirtschafteten Felder Teil des größten Problems der Erde sind: 30% aller Treibhausgasemissionen werden von der Landwirtschaft erzeugt und die Landwirtschaft und insbesondere die Nutztierhaltung sind die Hauptursache für die weltweite Entwaldung. [1]

Vor ein paar Jahren kam noch eine weitere Erkenntnis hinzu: Das muss nicht so bleiben. Es gibt landwirtschaftliche Modelle, die bessere Nahrungsmittel in größeren Mengen hervorbringen und gleichzeitig CO2 neutralisieren. Der globale Übergang von „destruktiver Landwirtschaft“ hin zu „regenerativer Landwirtschaft“ ist nicht nur möglich, sondern notwendig.

Was ist schiefgelaufen?

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Vor der „Grünen Revolution“ in den 1950er Jahren kamen unsere Lebensmittel von kleinen, vielseitigen Bauernhöfen. Dann wurde Muskelkraft mit rasanter Geschwindigkeit durch Maschinen ersetzt. Chemische Düngemittel und Pestizide auf den Äckern (und in unseren Nahrungsmitteln) gehörten bald ganz selbstverständlich dazu. Wir formten die Natur nach unseren Bedürfnissen. Und für eine kurze Zeit ging die Rechnung auf: Es wurden weniger Arbeiter gebraucht, die Ernteverluste wurden geringer und die Erträge stiegen.

Bis sie dann stagnierten. Es mussten wirkungsvollere Düngemittel her und giftigere Pestizide. Dieses Wettrüsten gegen die Natur kann nicht so weitergehen: Die Nahrungsmittelproduktion verschlingt inzwischen mehr Energie als sie erzeugt. Die viel zu oft gepflügten und behandelten Böden sind ausgelaugt. Insekten, die wichtigsten Bestäuber unserer pflanzlichen Lebensmittel, sterben aus. Die Äcker, die unsere Nahrung hervorbringen, sind lebensfeindlich geworden.

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Weltweit werden mindestens 50% des angebauten Getreides an Nutztiere verfüttert.[2]

Mit Beginn der „Grünen Revolution“ wurden Rinder, Schweine und Geflügel in regelrechte Fabriken gepfercht, Betriebe, die dahingehend konzipiert sind, bei minimalen Kosten maximalen Gewinn zu erwirtschaften – und das unweigerlich zulasten der Tiere und unseres Planeten.

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Das ist auch heute noch so. Jedes Jahr müssen 56 Milliarden Tiere bis zu ihrer Schlachtung unvorstellbares Leid ertragen. Diese Branche erzeugt darüber hinaus mehr Treibhausgasemissionen als alle Flugzeuge, Autos und Schiffe zusammen,[3] verbraucht jährlich mindestens 130 Billionen Liter Wasser,[4] hat die Antibiotika-Krise verursacht[5] und ist verantwortlich für die Zerstörung von 91% des Amazonas-Regenwaldes.[6]

Kurz: die „Grüne Revolution“ ist alles andere als grün. Der einzige, der von diesem Modell profitiert, sind agrarchemische Großkonzerne; sie machen Milliarden Gewinne, die ihre Lobbyarbeit im großen Stil finanziert und wodurch sie Einfluss auf die Politik nehmen können, um ihre klimaschädliche Agenda weiter voranzutreiben.

Noch – aber nicht mehr lange – ist Zeit für eine echte grüne Revolution.

Die guten Nachrichten

Es gibt landwirtschaftliche Praktiken, die gesunde Ökosysteme hervorbringen, anstatt diese zu zerstören, die Treibhausgase neutralisieren, anstatt sie zu erzeugen, die fruchtbare Böden anreichern, anstatt sie auszulaugen, und die zur biologischen Vielfalt beitragen, anstatt diese zu schädigen. Im Folgenden nun einige der regenerativen Praktiken, die mir am vielversprechendsten erscheinen:

Mischkulturen

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Anstelle der gängigen Monokulturen sollten Äcker mit unterschiedlichen Pflanzenarten bestellt werden. Bei richtiger Umsetzung wird das Pflanzenwachstum wechselseitig unterstützt. Mischkulturen bringen höhere Erträge hervor als Monokulturen, und das unabhängig von chemischen Düngemitteln oder Pestiziden. (Video: Life in Syntropy)

Feldwaldbau

5-agri-1Ein agroforstwirtschaftliches System von unserem Projekt im Senegal.

Das Pflanzen von Bäumen auf Feldern steigert die Erträge und senkt das Risiko von Dürren und Winderosionen drastisch. Darüber hinaus kann das Feuerholz von den Bauern als zusätzliche Einkommensquelle genutzt werden. (Video: Feldwaldbau in Frankreich)

Direktsaat & Ackerbau ohne Bodenbearbeitung

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Durch Umpflügen des Bodens werden Mikroorganismen Sonne und Wind ausgesetzt und sterben ab. Darüber hinaus reagiert der Kohlenstoff aus dem Boden mit dem Sauerstoff der Luft und verwandelt sich in CO2. Direktsaat ohne vorherige Bodenbearbeitung trägt dazu bei, den Boden feucht und fruchtbar zu halten. (Video: Direktsaat in der Praxis)

Kontrollierte Beweidung & Waldbeweidung

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Mehr als 60% der weltweit landwirtschaftlich genutzten Flächen sind Weideland. Häufig werden diese Flächen zu intensiv oder nicht intensiv genug beweidet, was zu einer Bodendegradation führt. Von einer kontrollierten Beweidung hingegen, die einem natürlichen Rhythmus entspricht, kann ein Boden sogar profitieren. Fügen wir dem Beweidungssystem noch Bäume hinzu, verbessert sich die Klimabilanz der Viehhaltung signifikant. (Video: Intensive Waldbeweidung, TED Talk zum Thema kontrollierte Beweidung)

Kompostierung und Biokohle

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Die Kompostierung ist ein Verfahren, bei dem aus organischen Abfallstoffen Humus gewonnen wird, der als Düngemittel eingesetzt werden kann. Böden, die mit Kompost gedüngt werden, weisen im Gegensatz zu chemisch gedüngten Böden eine sehr hohe Konzentration an mikrobiotischen Lebewesen auf. Humusreiche Böden speichern außerdem viel Kohlenstoff, besonders dann, wenn sie mit Biokohle angereichert sind. (Video)

Mehrjährige anstelle von einjährigen Pflanzen

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Die meisten unserer derzeitigen Grundnahrungsmittel (z.B. Getreide, Weizen, Reis) stammen aus einjährigen Getreidesorten, die jedes Jahr neu gepflanzt werden müssen. Mehrjährige Pflanzen hingegen produzieren jahrzehntelang Nahrung, benötigen weniger oder gar keinen Dünger und speichern große Mengen Kohlenstoff in ihren Wurzeln.

Landwirtschaftliche Betriebe, die auf Diversität setzen

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Betriebe, die auf Diversität setzen, haben große Vorteile gegenüber herkömmlichen Monokulturen: Sie produzieren bis zu 20-mal mehr Nahrung pro Hektar, können häufig auf den Einsatz chemischer Dünger verzichten und sind viel widerstandsfähiger gegenüber Trockenperioden und Schädlingen. (Video: Die Ridge Däle Farm in Schweden)

Wie Ecosia die regenerative Landwirtschaft unterstützt

Vermutlich habt ihr an diesem Punkt bereits durchschaut, dass wir von Ecosia überzeugte Verfechter der regenerativen Landwirtschaft sind. In Kombination mit der Wiederaufforstung ist sie in der Lage, einen Großteil der im letzten Jahrhundert freigesetzten CO2-Emissionen zu neutralisieren. Wir glauben außerdem, dass die regenerative Landwirtschaft eine Schlüsselrolle bei der Bereitstellung nahrhafter Lebensmittel für unsere ständig wachsende Menschheitsfamilie spielen wird.

Darum versuchen wir, wo immer möglich regenerative landwirtschaftliche Praktiken in unsere Baumpflanzprojekte zu integrieren. In Burkina Faso arbeiten wir beispielsweise mit lokalen Bauern zusammen, die Bohnen und andere Pflanzen zwischen unseren Bäumen anbauen. In Senegal pflanzen wir Bäume auf bewirtschafteten landwirtschaftlichen Flächen.

Darüber hinaus haben wir einen Wettbewerb ausgeschrieben in Zusammenarbeit mit dem Experten für regenerative Landwirtschaft Richard Perkins. Die Gewinner erhalten Kredite für die Umstellung ihrer Betriebe auf regenerative Landwirtschaft. Wir hoffen, dass unser Inkubator den Übergang zur regenerativen Landwirtschaft in Europa beschleunigen wird.

Was kannst du tun?

Eine erfolgreiche Umstellung von der destruktiven zur regenerativen Landwirtschaft ist Aufgabe unserer Generation. Leider können wir uns in diesem Punkt nicht auf unsere Politiker verlassen: In den meisten Ländern wird die Politik sehr stark von der Lobby der traditionellen Landwirtschaft beeinflusst.

Deshalb brauchen wir eine von den Bürgern geführte Basisbewegung, um diese Umstellung in Gang zu setzen. Hier ein paar Dinge, die meiner Meinung nach jeder von uns tun kann:

  • Bioerzeugnisse kaufen: Unsere Brieftasche ist das wohl wirkungsvollste Werkzeug, um etwas zu bewirken. Wenn du Bioerzeugnisse kaufst, idealerweise von integrierten Demeter- oder Bioland-Betrieben, isst du nicht nur besser und gesünder, sondern trägst auch zur Regeneration unseres Planeten bei.

  • Sich informieren: Wissen ist Macht. Es gibt viele nützliche Informationsquellen zum Thema regenerative Landwirtschaft. Angefangen bei kleinen privaten Permakultur-Gärten (Videoreihe: Den Wandel leben, Video: Stadtlandwirtschaft) über größere regenerative Betriebe (Videoblog von Richard Perkins, Video: Der Permakultur-Obstgarten) bis hin zu ganzen landwirtschaftlichen Systemen (Kohlenstoffanbau).

  • Weitersagen: Du kannst diesen Artikel gerne teilen, damit auch andere verstehen, dass Monokulturen, Pflügen und Pestizide überholt sind und effektivere Methoden verfügbar sind.

Wir stehen am Scheideweg. Der Weg, den wir die letzten siebzig Jahre beschritten haben, hat zu ökologischer Zerstörung und Grausamkeit gegenüber unseren Mitgeschöpfen geführt. Aber es gibt einen anderen Weg, und das ist unsere letzte Chance für eine nachhaltige, gesunde Zukunft. Gehen wir ihn gemeinsam.

Lieben Gruß,
Christian Kroll
Gründer von Ecosia


  1. Margulis, Sergio. "Causes of Deforestation of the Brazilian Amazon". World Bank Working Paper No. 22. 2003

    Tabuchi, Hiroko, Rigny, Claire & White, Jeremy. "Amazon Deforestation, Once Tames, Comes Roaring Back". New York Times. February 2017

    H. Steinfeld, P. Gerber, T. Wassenaar, V. Castel, M. Rosales, C. de Haan. Livestock's Long Shadow: Environmental Issues and Options. United Nations Food and Agriculture Organization. 2006.

    Sergio Marglis. "Causes of Deforestation of the Brazilian Amazon." World Bank Working Paper No. 22. The World Bank. 2004.

    Kirby, K. R., Laurance, W. F., Albernaz, A. K., Schroth, G., Fearnside, P. M., Bergen, S., Venticinque, E. M., & De Costa, C. (2006). "The future of deforestation in the Brazilian Amazon". Futures. 38 (38): 432–453. ↩︎

  2. "Executive Summary: Feed Supply". Food and Agriculture Organization of the United Nations. ↩︎

  3. "Livestock's Long Shadow: environmental issues and options". Food and Agriculture Organization of the United Nations. Rome 2006

    Goodland, R Anhang, J. “Livestock and Climate Change: What if the key actors in climate change were pigs, chickens and cows?”

    Goodland, Robert & Anhang, Jeff. "Livestock and Climate Change: What if the key actors in climate change are… cows, pigs and chickens?". WorldWatch. November/December 2009

    Hickman, Martin. "Study claims meat creates half of all greenhouse gases". Independent. November 2009

    Hyner, Christopher. "A Leading Cause of Everything: One Industry That Is Destroying Our Planet and Our Ability to Thrive on It". Georgetown Environmental Law Review. October 23, 2015. ↩︎

  4. "Summary of Estimated Water Use in the United States in 2005". United States Geological Service

    Pimentel, David, et al. "Water Resources: Agricultural and Environmental Issues". BioScience. (2004) 54 (10): 909-918 ↩︎

  5. "Farmers must stop antibiotics use in animals due to human health risk, warns WHO", The Guardian ↩︎

  6. Margulis, Sergio. "Causes of Deforestation of the Brazilian Amazon". World Bank Working Paper No. 22. 2003

    Tabuchi, Hiroko, Rigny, Claire & White, Jeremy. "Amazon Deforestation, Once Tames, Comes Roaring Back". New York Times. February 2017 ↩︎